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Neunwöchiges Praktikum im Humla District Hospital, Simikot

22.08. – 23.10.2022 Lukas Rauth, BA

 

Im Rahmen meines Studiums der Gesundheits- und Krankenpflege an der FH Vorarlberg durfte ich mein Wunschpraktikum im Wintersemester 22/23 – das insgesamt sechste innerhalb meiner Ausbildung – im Humla District Hospital absolvieren.

 

Das krankenhaus im Humla District, Simikot
Das Krankenhaus

 

 

 

Bereits die Anreise in das auf 3000m Seehöhe gelegene Simikot war ein Erlebnis. Nach
einigen spannenden Tagen in Kathmandu begab ich mich nach Nepalgunj, im Südwesten des
Landes, von wo aus ich am nächsten Morgen nach Simikot fliegen sollte. Das geschah
schlussendlich mit einem Tag Verspätung, da die Wetterbedingungen das Anfliegen des von
bis zu 6000 Meter hohen Bergen umzingelten Flugfeldes in der 18 Personen fassenden
Propellermaschine nicht zuließen. Ein kleiner Vorgeschmack auf manche vor allem klimatischen
Herausforderungen, die noch kommen sollten.
Nach dem halbstündigen Flug durch beeindruckende Bergkulissen und der Landung in Simikot
wurde ich herzlich von Tsepal Lama, dem Projektleiter vor Ort und zwei seiner Mitarbeitenden
willkommen geheißen und in sein kleines Guest House, meinem Zuhause für die kommenden neun
Wochen, begleitet. Ich fühlte mich hier dank der überaus gastfreundlichen Unterstützung und
Bewirtung durch Tsepal und seine Frau Kunti vom ersten Tag an sehr wohl.
Schnell wurde mir klar, dass ich an einem wunderbaren Ort, reich an natürlicher Schönheit und
Vielfalt, lebensfrohen Menschen, Community Support und einem gemütlichen und dennoch
zielstrebigen Lebensgefühl angekommen war und freute mich bereits auf das Eintauchen in
dieses warmherzige soziale Gefüge, umgeben von der atemberaubenden Kulisse der Himalayas.
Der Flughafen von Simikot, Nepal
Der Flughafen Simikot

 

Ankommen und Alltag im Krankenhaus


Obwohl ich gut vorbereitet in meinen ersten Praktikumseinsatz außerhalb des österreichischen Gesundheitssystems ging und mich als flexiblen und anpassungsfähigen Menschen beschreiben würde, wäre es gelogen zu behaupten, dass ich anfänglich nicht ein wenig überwältigt war vom Zustand und den Arbeitsbedingungen im Krankenhaus. Das lag vor allem an den hygienischen Bedingungen und der Ausstattung, die aus einem westlich sozialisierten Verständnis als mangelhaft bezeichnet werden muss, aber auch der sprachlich-kulturellen Überforderung zu Beginn meines Aufenthaltes sowie dem anfänglich ungewohnten Fehlen bzw. anderen Verständnis von Privatsphäre für Patientinnen und Patienten.

 

 

Eines der Stations-zimmer des Krankenhauses im Humla District, Simikot
Eines der Stations-zimmer
Dr. Roshan bei der Visite im Krankenhaus im Humla District, Simikot
Dr. Roshan bei der Visite

 

 

Schon nach einigen Tagen konnte ich mich dank des immer besser werdenden Verständnisses für die Arbeitsabläufe und durch die Unterstützung des engagierten Teams an Ärzten und Pflegepersonal vor Ort bestens ins Team einfügen und meiner pflegerischen Arbeit größtenteils selbstständig nachgehen. Ein großes Dankeschön möchte ich an dieser Stelle allen Kolleginnen und Kollegen aus dem Krankenhaus aussprechen. Meines Wissens war ich der erste nicht fertig ausgebildete Praktikant mit abweichendem sprachlichem und kulturellem Hintergrund. Ich wurde von Anbeginn gut aufgenommen, ins Team integriert, konnte ohne zu zögern Fragen stellen, Aufgaben übernehmen oder in manchen Fällen auch ablehnen, durfte vieles Lernen und Miterleben und gleichzeitig wurden mein Feedback und meine Anregungen gegenüber den gängigen Arbeitspraxen gehört und wertgeschätzt.

An einem regulären Arbeitstag wurden acht bis zehn zu Pflegende stationär versorgt und etwa 40-80 Patientinnen und Patienten ambulant oder tagestationär behandelt. Das Spektrum an Erkrankungen und Verletzungen war ein sehr breites, ich war hauptsächlich in der Notaufnahme und an den daran angegliederten Stationsbetten im Einsatz.

 

 

Aufgabengebiete und Herausforderungen

-Wundversorgung: Das Desinfizieren, Nähen und Verbinden von Schnittwunden, Verletzungen und Verbrennungen stand an der Tagesordnung. Im Dressing Room herrschte mitunter reger Andrang und wir hatten teilweise Mühe das im Krankenhaus sterilisierte Arbeitsbesteck und Verbandsmaterial rechtzeitig wieder zur Verfügung zu stellen. Viele Wunden wiesen deutliche Infektionszeichen auf, was in den meisten Fällen auf ein mangelndes Präventionsbewusstsein in der Bevölkerung und mangelhafte Hygiene zurückzuführen sein dürfte.
-Assessment und Versorgung von Patientinnen und Patienten in der Notaufnahme: Die Gründe für das Aufsuchen des Krankenhauses waren vielseitig und reichten von Beschwerden des Gastrointestinaltrakts, fiebrigen Infekten unklarerer Genese und diversen Verletzungen nach Stürzen Raufhandel bis zu Erfrierungen und Verbrennungen. Auch chronische Krankheiten wie COPD wurden mehrfach behandelt. Auffallend war jedoch die geringe Zahl an Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck und dessen Folgeerkrankungen, Diabetes oder anderen „Zivilisationskrankheiten“.
-Sectios: Während ich nur wenige Spontangeburten miterleben durfte, war ich bei vier Sectios mit im OP und konnte dort die Betreuung der Neugeborenen übernehmen, bei der Mobilisierung der Mütter unterstützen, etc. Auch bei diesen Eingriffen traten bei mehreren Patientinnen Wundinfektionen auf Grund der hygienischen Bedingungen im Post-OP Raum bzw. in der Nachsorge auf.
-Einzelfälle: so manches war völlig neu für mich. Etwa die Behandlung eines an Lepra erkrankten Patienten, die Amputation eines nekrotischen Fingers unter Lokalanästhesie oder der Behandlungsversuch einer Patientin, bei der auf Grund mangelnder Möglichkeiten vor Ort nur über eine dissoziative Erkrankung gemutmaßt werden konnte.
-Stromausfälle: Leider standen nach zwei langen Schlechtwetterphasen und zahlreichen Murenabgängen, bei denen unter anderem das Wasserkraftwerk schaden nahm, auch Stromausfälle an der Tagesordnung. Das Backup aus Solarenergie und einem Dieselgenerator funktionierte nur zeitweise, was die Arbeit deutlich erschwerte.

 

 

Die Patientin suchte erst zwei Wochen nach der Verbrennung ihres Knies das Krankenhaus auf
Die Patientin suchte erst zwei Wochen nach der Verbrennung ihres
Knies das Krankenhaus auf
Tägliche ambulante Wundversorgung einer infizierten Schnittwunde am Fuß im Krankenhaus im Humla District, Simikot
Tägliche ambulante Wundversorgung einer infizierten Schnittwunde
am Fuß im Krankenhaus im Humla District, Simikot

 

 
Versorgung einer infizierten Wunde nach Sectio im Krankenhaus im Humla District, Simikot
Versorgung einer infizierten Wunde nach Sectio
 

 

Was ich mitnehmen durfte

Dieser Bericht mag bis hierher an manchen Stellen abschreckend wirken und es wäre nun ein Leichtes eine Lobeshymne auf das im Vergleich ausgezeichnete österreichische Gesundheitssystem anzustimmen. Der Respekt und die Anerkennung gebührt jedoch vielmehr den Pflegekräften und Ärzten in Simikot, die unter basalsten Voraussetzungen ihr Bestes geben, sich aufopfern und täglich großartige Arbeit leisten. Vielen Widrigkeiten zum Trotz.
Ich möchte ein Praktikum oder einen Arbeitseinsatz in Simikot wärmstens empfehlen, und das hat mehrere Gründe.
Eine Gastfreundschaft, Offenheit und Dankbarkeit wie sie von der Bevölkerung vor Ort gelebt wird habe ich in dieser Form noch nie erlebt.
Der enorme Rückhalt aus Familie und Community den ich miterleben durfte und hoffentlich mitnehmen werde, die Angehörigen, die teilweise Tag und Nacht im Krankenhaus verbrachten und keineswegs vor der Übernahme pflegerischer Maßnahmen zurückschreckten, inspirierten mich.
Der Respekt, mit dem sich die Menschen begegneten, war beindruckend und prägend.
Der motivierte und ganzheitlich umsorgende Einsatz der Mitarbeitenden, ein selbstverständliches Teamwork und ein sich beschweren – egal ob seitens der zu Pflegenden oder des Personals – als Fremdwort, das spornte mich an.

Zudem gab es einige persönliche Highlights wie den Besuch und die Übernachtung in der Raling Gumba, einem der ältesten tibetischen Klöster Nepals auf 4000 Metern Höhe wo ich mit einigen Freundinnen und Freunden aus der Belegschaft unvergessliche Stunden verbringen durfte oder die Wanderung zum Panchamukhi, einem beliebten Ausflugsziel in den Bergen um Simikot.

Zu guter Letzt sind die unzähligen herzerwärmenden Begegnungen, neu geknüpfte, tiefgehende Freundschaften und eine Verbindung zu dieser außergewöhnlichen und auch landschaftlich atemberaubenden Region zu erwähnen, die ich niemals vergessen werde und eine baldige Rückkehr nach Humla mehr als wahrscheinlich machen.
Am Ende bleibt ein großes Danke!

 

 

 

 

Ein Teil des Teams am Eingang zur Notaufnahme im Krankenhaus im Humla District, Simikot
Ein Teil des Teams am Eingang zur Notaufnahme

 

 

Meine Gastgeber-Familie: Tsepal und Kunti im Humla District, Simikot
Meine Gastgeber-Familie: Tsepal und Kunti

 

 

Meine Gastgeber-Tsepal und Kunti im Humla District, Simikot
Meine Gastgeber-Tsepal und Kunti

 

 

Ausflug zur Raling Gumba
Ausflug zur Raling Gumba, Nepal

 

 

Abschiedsessen mit Freundinnen und Freunden in Simikot, Nepal
Abschiedsessen mit Freundinnen und Freunden